Ich fahre sterben.

Ich hänge an diesem Leben, ich hätte mir noch ein halbes Jahr gewünscht. Weihnachten wäre sicher noch schön geworden. Ich hätte gerne noch einmal auf dem Saxophon gespielt. Ich habe meinen Todestag auf Übermorgen angesetzt. Ich habe eine kleine Tasche gepackt. Nur das Nötigste und die Medikamente. Mit dem Mantel über dem Arm stehe ich vor dem Dielenspiegel. Mein Schädel ist kleiner geworden, das Gesicht hager, die Augen liegen tief ohne Glanz. Ich sehe aus wie ein KZ-Häftling. Es fehlt mir an Bewegung und frischer Luft. Ich fahre sterben, auch um nicht bitten zu müssen.

Den Kindern habe ich gesagt, ich fahre für ein paar Tage in die Schweiz. Was im Grunde stimmt, auch wenn es gemogelt ist. Ich bin gestern Nachmittag das erste Mal an meinem eigenen Grab gewesen. Ein schlichtes Grab, ein schlichter Stein, noch ohne Bumen schön, den eingeschlagenen Lettern „Genug!“, noch ohne Sterbedatum. Und ich davor, – die Hand über den Handrücken der anderen, wie zum Gebet. Ich habe einen ersten Kiesel auf den Grabstein gelegt. Beim Weggehen habe ich mich noch einmal nach mir umgedreht. Dann meine Schritte auf der menschenleeren Allee, sonst Totenstille.

Wenn sie mich finden, werden sie mich aufmachen, um meine Todesursache festzustellen. Sie werden mich mit groben Stichen wieder zunähen, mit Stroh unterfüttern und anrichten, – wie einen Bräutigam mit einem Zweig im Knopfloch des Revers. Diese Ruhestunden, diese Warten bis sie mich durch das schmiedeeiserne  Schnörkeltor tragen sind das Schlimmste. Sie werden mich hinab lassen, eine Lobrede auf mich halten, in der ich mich nicht wiedererkenne, mich ein letztes Mal mit Dreck bewerfen und ein Büschel Blumen zur Beschwichtigung hinterdrein.

Ich fahre sterben, um den Kindern nicht zur Last, der Pflegeindustrie nicht in die Hände zu fallen. Ich bin voller Zuversicht, – das macht mich ruhiger.

 

| Dignitas . Freitod . Herr K. (†)