Im grossen Wartesaal.

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Vormittags im großen Wartesaal im dritten Stock eines weitläufigen Patrizierhauses bei Professor Bazillus, einer anerkannten Kapazität auf dem Gebiet der Orthografie Orthopädie.

Man sitzt im Kreis, ein Bein über das andere geschlagen, das linke über das rechte oder umgekehrt, – ganz wie jeder mag. Man wippt mit der Schuhspitze, hat die Hände gefaltet oder im Schoß liegen. Die Augen gesenkt oder ergeben auf die kühle Tapete gerichtet. Dann und wann öffnet sich eine hohe Flügeltür und ein weißer Engel in Kittelschürze ruft, Herr Jeminé oder Frau Schlindwein, bitte zur Akkupunktur, zum Röntgen, zur Blutabnahme, zu Professor Bazillus, zum Ordinariat.

In der Ecke zwischen Kinderbüchern, zwischen Plastikeimerchen und Bauklötzchen sitzt ein kleines Mädchen und schiebt sich gottvergessen einen Holzwürfel in den Mund. Tastet, leckt, probiert, schmeckt, erkundet seine Welt. Und seine Mutter sagt: „Nicht Elisabeth, du weißt ja nicht, wer das schon alles in den Fingern hatte.“ Und alle Augen richten sich auf das kleine Erdferkel drüben in der Ecke.

Keiner sagt etwas, man hüstelt, man flüstert gedämpft, man raschelt, die Damen kramen in ihren Handtaschen, die Herren machen nichts. Und man blättert in alten Zeitschriften. Befeuchtet den Zeigefinger der einen Hand und blättert mit der selben die Seiten. Der Finger muss nach fünf bis 10 Seiten nachbefeuchtet werden. Alle machen es so, so machen es alle.

Die Zeitschriften zirkulieren, gehen im Kreise, der nächste Leser, die nächste Hand, der nächste Finger, das nächste Ferkel schiebt ihn in den Mund, leckt daran, blättert …

So machen es alle, alle machen es so.

 

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