Milch & Butter.

 

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Ich habe einen Mann gekannt, einen Milchmann, der ein schlimmes Ende nahm. Nämlich er kam ins Irrenhaus, obschon er sich nicht für Napoleon oder Einstein hielt, im Gegenteil, er hielt sich durchaus für einen Milchmann. Er hieß Otto, der Otto. Das Ich, das dieser gute Mann sich erfunden hatte, blieb unbestritten sein Leben lang, zumal es ja von der Umwelt keine Opfer forderte, im Gegenteil. Er brachte Milch und Butter in jedes Haus, einundzwanzig Jahre lang. Sogar sonntags. Es war ein Abend im Frühling, ein Sonnabend, als der Otto seine Pfeife rauchend wie all die Jahre, auf dem Balkon seines Reiheneigenheims stand, das zwar an der Dorfstraße gelegen war, jedoch mit so viel Gärtlein versehen, dass die Scherben niemand gefährden konnten. Nämlich aus Gründen, die ihm selbst verschlossen blieben, nahm der Otto plötzlich einen Blumentopf und schmetterte den selben ziemlich senkrecht in das Gärtlein hinunter, was sofort nicht nur Scherben sondern Aufsehen verursachte. Alle Nachbarn drehten sofort ihre Köpfe; Sie standen auf ihren Balkonen, hemdärmlig wie er, um den Sonnabend zu genießen. Und alle drehten sofort ihren Kopf. Dieses öffentliche Aufsehen, scheint es, verdroß unseren Milchmann dermaßen, dass er sämtliche Blumentöpfe, siebzehn an der Zahl, in das Gärtlein hinunterschmetterte, das ja schließlich, wie die Blumentöpfe selbst, sein schlichtes Eigentum war. Trotzdem holte man ihn. Seither galt der Otto als verrückt. Und er war es wohl auch, man konnte nicht mehr mit ihm reden. Nun ja, sein Ich hatte sich verbraucht. Das kanns geben, und ein anderes fiel ihm nicht ein. – Tja, so war das.

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( Max Frisch . Gantenbein )

 

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