Freispruch.

Gestern sah ich mich auf einer Polizeidienstwache. Mit schweren Indizien belastet. Zuvor hatte man mich auf offener Straße festgenommen. Wegen Hundediebstahls. – Ein Blinder, der sich den falschen Blindenhund anhängte. Auch das kanns geben.

Verhaftet von einem Uniformierten in Amtstracht. Ich stelle mir einen Herrn vor. In Weidmannsgrün oder Dunkelmarineblau, mit gesternten Schulterstücken, in Schnürstiefeln die blank gewichst, eine Walter P7 rechts im Halfter, wenn er kein Linkshänder ist. – Ich sehe ihn ja nicht. Bin ja stockblind.

Stattdessen sehe ich die Gesichter der Passanten. Ihre Münder. Ihr Gaffen. Ihr Starren. Ihre Häme. Ihre gerechte Schadenfreude. Ihr blankes Entsetzen. Jemand will Blut an meinen Händen gesehen haben.

Man verliest meine Personalien, die ich zu bestätigen habe. Ich höre was mir vorgeworfen wird. Und glaube es sogleich. Um keine unnötigen Scherereien zu machen, leugne ich keineswegs die mir angebotene Schuld. Sie wird gebraucht. Sie rechtfertigt die Unschuld im Leben anderer.

Nach einer dreiviertel Stunde überraschend Freispruch für mich. Ich lache als glaube ich es nicht. Und falle keineswegs darauf herein. Jemand öffnet eine Türe. Man packt mich. Schiebt mich auf die Straße. Nicht unfreundlich, – ja mit Handschlag und einem ‚Vergeltsgott‘ sogar.

Ich gehe anschließend etwas unschlüssig neben mir her. Und ringe nach Worten dabei. In Zeitlupe hätte das bestimmt gut ausgesehen. Ich habe mich sogar schlucken gehört.

Ich betätschle meinen Blindenhund, – prüfend.

Es geht auf Ostern zu. Es ist Kreuzigung.

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