Das Anthropozän.

 

 

»»

Das Ministerium hatte lange geschlafen und tatenlos zugesehen. Das, was unser Leben ausmacht, das Zwischenmenschliche, der lebendige Kontakt zu den Mitmenschen, war über die Jahre weitgehend verloren gegangen. Zahllose wissenschaftliche Studien belegten, dass es dafür vor allem einen Grund gab: die massenweise Nutzung von Smartphones. Auch der Begriff der Nachhaltigkeit fiel, und Nachhaltigkeit heißt hier: Die Menschen müssen sich wieder anschauen, nachhaltig, also länger als die halbe Sekunde, bis sich der Blick wieder auf den Touchscreen senkt.

Zu einer modernen Gesellschaft, so das Ministerium, gehöre auch eine lebendige Demokratie. Da dürfen weitgestreute Falschaussagen in den sogenannten sozialen Netzwerken nicht mehr auf fruchtbaren Boden fallen – am besten, indem keiner sie mehr liest.

Mit überwältigender Mehrheit verabschiedete das Parlament folgerichtig die digitale Entgiftung: das Detox-Gesetz. Es räumte den Mobilfunkbetreibern einen Monat Zeit ein, ihre Sendemasten zu deaktivieren, und zwei weitere, den Kunden wieder das zu geben, was diese lange hinter sich gelassen hatten: Telefon-Festnetz, stabiles DSL, einen Sack Bio-Äpfel monatlich und täglich ein Schokoherz zum Umhängen.

Die Kinder schaukelten wieder, statt das Handy mit der Schaukel-App zu schaukeln. Kinderlieder kamen aus den Kehlen der Eltern, nicht aus dem Stereo-Smartphone-Lautsprecher. Die Kids verabredeten sich über Kettenanrufe per Festnetz zum Fangenspielen im Garten …

Ist unsere Regierung also ein selbstlernendes System?

Keine Fehler, außer einem kleinen: Ohne parlamentarische Abstimmung änderte sich ein einzelnes Wort in Artikel 1 des Grundgesetzes: Statt „die Würde des Menschen“, war nun … „die Würde der KI“, der Künstlichen Intelligenz, unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

 

««

(C) DETOX . Über die digitale Entgiftung . von Maximilian Schönherr

 

| Frost.Klirre.Glas . Reflexionen . Spiegelscherben . Detoxübergangszeit

Werbeanzeigen